Der kleine Casimir … letzter Teil

Weit lag der Morgen zurück, als Casimir zu sich kam. Ein dumpfes Gefühl der Leere erfüllte seinen Kopf und wackelig verichteten die dünnen Beinchen ihren Dienst. Er kletterte aus dem dichten Gestrüpp, welches ihn vor den gierigen Blicken anderer geschützt hatte und flatterte mit seinen Stummelflügeln, bis sich der Flaum aus seinem Gefieder löste. Langsam machte er sich wieder auf den Weg, aber er war zu erschöpft, um sich an sein nächstes Etappenziel zu erinnern. RegenteichWas hatte die Krähe gesagt? Er sollte Ausschau halten, aber wonach?  Seine Gedanken waren wirr vor Durst und Hunger und so setzte er nur einen Fuß vor den anderen, immer weiter, so lange ihn seine Stelzen tragen würden. So überhörte der kleine Han auch das herannahende Automobil, welches ihn in eine riesige Staubwolke einhüllte und er prustend und spuckend im Straßengraben landete. Müde blieb er liegen und rollte seine Augen nach innen, um den Schlaf des Vergessens wie eine kuschelige Decke über sich ziehen zu lassen, als er ein Geräusch hörte, welches ihm seltsam vertraut vorkam. Nur allmählich drang die Schönheit dieser Melodie in seinen Geist und er folgte diesem Klang auf dem Bauch rutschend durch das hohe Gras, bis sich vor ihm ein wunderbarer Teich darbot, der die Musik der tausend Wassertropfen spielte, welche seine Oberfläche durchbrachen. KäuferstrauchGierig nahm Casimir das erfrischende Nass in sich auf und fühlte wie Leben seinen schmächtigen Körper flutete. Vor Freude wälzte er sich am Ufer, befeuchtete seine Federn, aß ein paar Blüten und naschte ein paar Käfer, welche sich unvorsichtigerweise an den Blumen versteckten, um dem Regen zu entgehen. Nie hatte er sich lebendiger gefühlt und so hockte er im Gras, sah dem Tropfenkonzert zu und tauchte seinen Schnabel so oft ins Wasser, bis kein Tropfen mehr in ihn hinein passte. Glücklich erklomm er die Böschung und betrachtete die kleinen Pfützen auf dem Weg, als ihm einfiel, was der alte Krächzer gesagt hatte. „Halte nach einem besonderen Baum Ausschau und achte darauf ihn stets im Rücken zu haben, denn dorthin führt der Weg zu den Schlossgärten. Verlierst Du diese Richtung, wirst Du die Heimat nie wieder finden!“ Hohe GräserCasimir erinnerte sich jetzt an die Worte der Krähe und suchte die Gegend nach einem einzelnen großen Baum ab, aber Bäume gab es hier viele und groß waren sie fast alle. Viel zu klein war er, um weit sehen zu können, denn überall wuchsen hohe Gräser und Blumen, die ihm die Sicht versperrten. „Einen Baum und Bäumen finden, wie soll ich das schaffen? Ich weiß nichts vn derlei Pflanzen, außer, dass sie Schatten spenden und Schutz vor Regen bieten. Für einen Vogel der fliegen kann mag das anders sein, aber ich lebe doch auf der Erde“, murmelte Casimir vor sich hin. Langsam wanderte er weiter, immer wieder den Blick in alle Richtungen wendend, bis er wie angewurzelt stehen bliebt. „Beim vollen Körnertrog meiner Urahnen, so etwas gibt es doch gar nicht!“, rief er erstaunt aus. GießkannenbaumDas war es also. Nicht besonders groß war der Baum nach dem er suchen sollte, sondern dieser war wirklich „besonders“. Überall in seinen Zweigen hingen bunte Gießkannen und warfen das Sonnenlicht zurück. Fasziniert blieb Casimir eine Weile stehen, bis er hochschreckte, als die Sonne ihre ersten langen Schatten über die Baumwipfel schickte. Er drehte sich um und sah nur ein weites Feld vor sich mit grün bewachsenen Bergen im Hintergrund. Nirgendwo war ein Schloss zu sehen, ein Garten oder nur etwas ähnliches. Trotzdem packte er all seinen Mut zusammen und bahnte sich eine Furt durch das Pflanzendickicht. Keine einzige Nacht wollte er mehr hier draußen verbringen und Todesängste, Hunger oder Durst erleiden. Er schlug mit den Flügeln um schneller vorwärts zu kommen und hüpfte so gut er konnte über jedes Hindernis hinweg. Dabei schaute er sich so oft um, damit der Gießkannenbaum immer in seinem Rücken war, doch lagsam ließ das Licht nach und letztlich verschwand auch dieser Baum im dichten Wald und er konnte nur noch ungefhr seinen Weg bestimmen, bis er an ein Geflecht aus alten Ästen, Hölzern und Draht kam, welches nur wenig Raum bot hindurch zu schlüpfen. Casimir am ZaunZu groß schien er für die winzigen Lücken zu sein, doch diese Barriere zog sich in beide Richtungen, bis das Ende in der Dämmerung verschwand. So begann der kleine Hahn sich durch das größte Loch zu zwngen welches er finden konnte und strampelte mit den Füßen, bis er auf der anderen Seite auf den Boden plumpste. Doch was eben noch undurchdringlich schien, ertreckte sich jetzt vor ihm wie das Paradies auf Erden, denn die Gärten der Prinzessin breiteten sich vor ihm aus. Eine milde Sonne beschien ihn und der Duft von Rosen wehte zu ihm herüber. Gerade verschwand seine Mutter im Haus und er sah Goldstück am Zaun stehen und über die Felder blicken, bis sie sich zu ihm umdrehte und ein freudiges Jauchzen verlauten ließ. Goldstück mit BlumenkranzDoch Prinzessin Goldstück kam nicht auf ihn zu und schimpfte, sondern sie zwinkerte ihm strahlend zu und bedeutete ihm zu seiner Familie zu gehen. Sie klopfte dem alten Rudolf auf den Rücken und  dann liefen sie zum Schloss, um die gute Nachricht dem König zu überbringen. Casimir stand noch am Zaun und betrachtete seinen Garten, als ob er ihn zum ersten Mal richtig sah. Alles blühte und grünte und eine sanfte Brise ließ die Blumen fröhlich im Wind schaukeln. Es war einfach der beste Ort auf Erden um glücklich zu sein und er konnte es nicht erwarten seine ganze Familie wieder zu sehen, selbst seine Schwestern, aber ihm war doch ein wenig mulmig was seine Mutter und vor allem sein Vater ihm sagen würden. Diese würden ihm noch eine Menge Neues berichten, aber das ist dann eine andere Geschichte.

Ein einzelner schwarzer Vogel flog hoch oben über den Zaubergarten hinweg und verschwand im Dunkeln der Nacht, aber wer hätte schon sagen können was für ein Geselle dies war …

Ich bedanke mich sehr für Eure Aufmerksamkeit und auch bei der tatsächlichen Hühnermutti Claudia, die inwischen die Geschichte kennt und als abendliches Märchen vorliest. Sie hatte mir freundlicherweise erlaubt ihren Seidenhühnern näher zu treten und ihnen Namen zu geben. Übrigens der Hahn heißt wirklich Caruso 😉 Es war eine Freude für Euch zu schreiben und zusammen mit Casimir zu erleben wie er über die Wochen hinweg erwachsen geworden ist. Ich wünsche allen einen wunderbaren Abend, Arno … 🙂 ❤

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49 Gedanken zu “Der kleine Casimir … letzter Teil

  1. Wir sind begeistert und heilfroh, dass Casimir seine Reifeprüfung bestanden hat und wohlbehalten zu Hause angekommen ist 🙂 🙂
    Das erinnert mich irgendwie an mein eigenes Leben 😉
    Danke für diese wunderbare Geschichte.

    Gefällt 3 Personen

  2. Lieber Arno! Herrlich geschrieben! Und jetzt können wir, Gott seis gedankt, alle wieder ruhig schlafen, der Kleine ist, nun nicht mehr ganz so klein, wieder wohlbehalten nach Hause gekommen… Hach, so sehr hast Du uns mit Deinem ,,wunderbarem“ 😉 Erzählstil in den Bann gezogen! Ich war ganz verzückt. So eine schöne, heile Welt, die Du uns mit Worten und mit Deinen liebevoll aufgenommenen Bildern gezeigt hast! Sie haben uns unseren wirren Alltag vergessen lassen, in dem Wissen,dass Du uns nichts anderes wie ein Happy End zumuten würdest… Vielen lieben Dank und noch wunderschöne Sommertage, Nessy (happyhealthytrendy.com)

    Gefällt 1 Person

  3. Da habe ich aber Glück gehabt. 🙂 Wer zu spät liest, erspart sich das Warten. Danke, dass auch ich die Reise des kleinen Casimir begleiten durfte. Neben den Tieren haben mir die Spielzeuge der Menschen viel Freude gemacht.

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