Eine Weihnachtsgeschichte

GoldstückEigentlich sind Weihnachtsgeschichten immer zu schön um wahr zu sein, oder es sind Märchen, aber auf jeden Fall dürfen sie uns berühren. Diese Geschichte ist wahr und handelt von Liebe und einem neuen Leben, für alle.
„Onkel?“
„Mmmmmh.“ Mir war gleich klar, dass ein Brummen als Antwort keine Chance hat. Zu gut kenne ich mein Goldstück. Nachlässigkeiten, egal in welcher Form, werden nicht geduldet, also zieht sie ihre Stimme an und verleiht ihr Nachdruck.
„Oooonkel!“
Müsam hebe ich das Lid des rechten Auges. Mehr ist einfach nicht drin nach vier Stunden backen in der Küche. Ein wirklicher Chrisstollen und Vanillekekse sind es geworden, ganz nach den Wünschen der selbsternannten Meisterbäckerin.
„Jaaa, was ist denn Schatz?“
„Onkel“, sagt sie jetzt mit sanfter Stimme, „Du darfst Schnarchen, aber nicht so laut.“
Mir wird meine Umgebung bewußt. Wir liegen Fuß and Fuß auf dem großen Sofa und Misses guckt den Kinderkanal, allerdings erst ab 18 Uhr, denn vorher laufen nicht ihre Sendungen und sie will dann kein Fersehen gucken. Sicher würden sich jetzt viele Familien über dieses tolle Verhalten freuen und ich tue es auch, aber es fordert den ganzen Mann in mir dieses Tempo durchzustehen.
Emily Köchin„Ist okay Blümchen, der Onkel ist fertig mit seinem Schläfchen“, antworte ich gelassen. Das ist natürlich geschwindelt, aber ich würde sie es nie wissen lassen, zu kostbar ist jeder Moment mit ihr. Früher hätte ich gereizt reagiert, hätte sicher meinen Schlaf verlangt und auch bekommen, aber heute bin ich ein anderer Mensch und sie hat mich dazu gemacht, aber wie kann sich ein Mensch wirklich ändern? (Ich schnarche natürlich nicht, ich atme nur sehr bewußt)

Vor über vier Jahren bekam die Familie die schlimme Diagnose in der Klinik und es war ein Schock. Damals war Goldstück gerade zwei Jahre alt geworden und gehörte weltweit zu einer handvoll Kindern, die diese Diagnose geteilt haben, davon war Goldstück die zweite in Europa und die Jüngste überhaupt. Die Möglichkeiten bei einem zweijährigen Kind sind medizinisch oft begrenzt und dann finden sich selten Ärzte, die sich bei einem Misserfolg die Karriere versauen wollen, also wurde europaweit nach einem Arzt gesucht, der es zumindest versuchen würde und dies dauerte, ebenso, wie die Monate in der Klinik auf der Kinderintensivstation.

Als Geschäftsmann war ich es gewohnt hart zu sein, aber nach 30 Minuten musste ich diese Station immer verlassen. Zu überwältigend waren die Gefühle die Kleine da so liegen zu sehen. Meine Frau schaffte es viel öfter als ich ins Krankenhaus zu fahren und lange bei ihr zu bleiben. Ich schämte mich für meine Schwäche. Über allem stand ihr Vater Holger, der nie von ihrer Seite wich, nächtelang auf Stühlen wachte, weil ein Bett dort verboten ist. Doch er ließ seine Tochter nie alleine, denn er wollte da sein, wenn sie nachts aufwachte. Er fiel nicht in Panik und drückte alles um sich herum in weite Ferne, nur seine Kleine war noch wichtig. Monat um Monat verbrachte er in Kliniken, kam über 100 Tage gar nicht nach Hause, lernte mehr von dieser Erkrankung als jeder Arzt im Anfangsstadium seiner Karriere, korregierte Stationsärzte bei Diagnosen, arbeite mit den Chefärzten zusammen, verlangte CDs von den MRTs und wertete diese selber aus. Nichts entging ihm und davor kann ich selbst heute noch nicht tief genug den Hut ziehen.

Goldstück mit Blumenkranz

Es dauerte Jahre bis mein Goldstück aus dem Gröbsten raus war und selbst dann prognostizierten die Mediziner ein Leben im Rollstuhl, als dauerhafter Pflegefall. Holger und der Rest der Familie gaben natürlich nie auf, aber die größte aller Kämpferinnen war meine kleine Gräte. Nie habe ich einen Menschen erlebt, der so wenig mit seinem Schiksal hadert, dem es egal ist wer gesagt hat, dass etwas nicht geht, den man nicht Jammern hört oder weinen. Für dieses kleine Menschenleben war aufgeben keine Option, nicht einen Tag, eine Stunde oder eine Minute. Einmal, sie war jetzt drei und damit in einem Alter von dem wir dachten sie würde es nicht erreichen, hatte ich üble Migräne und sagte es ihr. Sie zeigte mit einem Finger auf eine ihrer Narben und antwortete.
„Und ich?“
Ich habe nie wieder über irgendeinen meiner Gesundheitszustände ein Wort verloren, denn die Kleine hatte mich tief beschämt und sie hatte Recht.

So kam es auch, dass wir zusammen kochten, denn alles in ihrer Umgebung musste sauber, fast steril sein und nur wenigen traute Holger seine Kleine an. Sie saß auf meiner Arbeitsfläche, reichte mir ausgewählte Möhren oder Kartoffeln, welche sie in die Suppe beförderte, so gut es eben ging und sie liebt es mit mir in der Küche zu sein, Teig zu kneten, Kekse zu backen, Pizza zu machen oder mir Anweisungen zu geben welche Zutaten in ihr Essen dürfen und welche auf keinen Fall. Sie weiß immer was sie will und verfolgt ihre Ziele hartnäckig.
Auf einer Spendenveranstaltung im vergangenen Sommer zahlte ein ausgesuchter Sponsor für jede Runde à 200 Meter einen Betrag und Goldstück sollte eine Runde laufen. Sie aber wollte mindestens sechs Runden schaffen und lief schließlich zehn, da sie auf keinen Fall weniger bewältigen wollte, als der Junge mit den meisten Runden. Holger und ich sind uns da völlig einig. Menschen mit dieser Art Willen sind wie geschaffen für den Sport, ob nun bei herkömmlichen Sportveranstaltungen oder bei den Paralympics. Holger fotografiert bereits ehrenamtlich beeinträchtige Sportler der Blindenstudieanstalt in Marburg und ich habe mich beworben, ab Januar jede Woche für ein paar Stunden die dortigen paralympischen Athleten betreuen zu dürfen (es sieht gut aus).

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So saßen Goldstück und ich am letzten Sonntag am PC und ich postete ein Bild, welches wir zusammen am Vortag auf dem Weihnachtsmarkt in Marburg gemacht hatten und ich erwähnte ihren Namen „Goldstück“, als ich ihr den Text vorlas und erwähnte wie viel Freunde sich darauf freuen würden etwas von ihr zu erfahren. Sie blickte mich an und sagte erstaunt.
„Hä, wieso freuen die sich? Die kennen mich doch gar nicht!“
„Doch“, antwortete ich, „denn ich berichte ihnen schon seit Jahren von Dir und viele haben Dich ins Herz geschlossen.“
„Mich?“
„Ja, Schatzilein, Dich!“
„Dann schreib nicht Goldstück, sondern „PIEP“, denn so heiße ich doch!“
„Ich weiß, meine kleine Gräte, aber Dein Vater möchte das nicht und ich akzeptiere es, also habe ich Dir diesen Namen gegeben, verstehst Du?“
Einen Moment überlegt sie und fragt dann.
„Warum Goldstück, Onkel?“
„Weil Du ein wirklicher Schatz für mich bist, ich Dich liebe und Goldstück schön klingt.“
„Ach Onkel, ich hab Dich soooo lieb, aber wir müssen Deinen Freunden noch mehr schreiben. Soll ich oder Du?“
„Du kannst doch noch nicht schreiben oder doch?“
„Nein“, antwortet sie etwas zerknirscht, „aber ich sage Dir was Du schreiben sollst, okay?“
„Heute nicht, Schnuckelhase, aber ein anderes Mal gerne.“

Es hat übrigens Jahre gedauert bis sie Kosenamen akzeptiert hat und nicht mehr auf ihren Namen bestand und jetzt wisst ihr ebenfalls, warum es mir so wichtig ist gerade Kindern zu helfen und dem Verein, der Goldstück damals unterstützt hat und bei dem Holger jetzt 2. Vorsitzender ist. Habt eine friedliche, frohe und gesunde Weihnacht, euer Arno.

christstollen

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43 Gedanken zu “Eine Weihnachtsgeschichte

  1. ❤ Lieber Arno. Als Mama trifft mich deine Weihnachtsgeschichte mitten ins Herz, beschreibt sie doch die größte Angst, das Undenkbare in Bezug auf das geliebte Wesen. Meine tiefe Hochachtung und Bewunderung für die Stärke, die deiner Familie inne wohnt. Krankheit kann Liebe zerstören oder erstarken lassen. Liebes Goldstück, dir und deiner Familie ein wunderbares Fest. Sammelt weiter gemeinsame Momente, nur die zählen.

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    1. Liebe Tochter von Holger. Das kann ich gut verstehen, der eigene Name ist ein wichtiger Teil von einem selbst. Ich stehe auch immer mit meinem eigenen Namen für das ein, was ich sage und tue. Aber es ist auch richtig von deiner Familie, ihn zu schützen. Entscheidend ist, dass die Menschen, die dich wirklich kennen, dich bei deinem Namen nennen, wenn du es wünscht. Ich schütze meinen Sohn auch, indem ich ihn niemals namentlich erwähne und da er nicht den selben Namen trägt wie ich, kann er auch über mich nicht gefunden werden. Er hat mich, als er so alt war wie du, hartnäckig beim Vornamen genannt und das fand der Rest der Familie irgendwie nicht in Ordnung. Auf die Frage, warum er denn nicht „Mama“ zu mir sagt, antwortete er: “ Weil sie so nicht heißt!“ Ich fand das wunderbar, denn er hat genau unterschieden, was ich für ihn bin, seine Mama und trotzdem eine Heike.

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      1. Liebe Heike, dies werde ich der kleinen Prinzessin am Samstag vorlesen, obwohl sie heute einen Antrag bei meiner Frau und mir gestellt hat, sie würde gerne „Nissa“ genannt werden??? Der Himmel weiß woher sie das schon wieder hat 😀

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      2. Bei uns war es „Jonathan“ 😉 Ich habe dem besten Sohn damals gesagt, dass dies sicher der nächste Name gewesen wäre, der uns eingefallen wäre, eventuell, vielleicht. Später fand ich heraus, dass an diesem Tag ein neues Kind in den Kindergarten gekommen ist. Sie sind bis heute Freunde und beide sind nun gerade 17 Jahre geworden. ❤

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  2. Ich bin sehr berührt, auch wenn ich das schon wusste.
    Lebenswillen und Liebe sind bei Erkrankungen das Beste zu einer klugen Therapie selbstverständlich.

    Liebes Goldstück, ich habe hier auch einen anderen Namen als im richtigen Leben und das ist nicht das Einzige was uns beide verbindet. Ich wünsche dir von Herzen Frohe Weihnachten. Deine Arabella

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  3. Guten Morgen zusammen, gerade haben wir gemeinsam eure schönen Kommentare gelesen und was soll ich sagen. Sie möchte bei ihrem richtigen Namen genannt werden 😀 So ist die kleine Gräte, aber jetzt gehen wir wieder in die Küche und überlegen uns etwas leckeres 🙂

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  4. Diese Geschichte berührt mich sehr, und weiß selber zu gut, wie es ist, tagelang im Krankenhaus zu hocken und mit zu schlafen. Zum Glück ist wohl mein Töchterchen geheilt (hoffe ich mal ) und wünsche euch und deinem wunderbaren Goldstückchen weiterhin alles gute. Sie ist ein starkes , selbstbewusstes Mädchen.

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      1. Dankeschön ❤️🎄
        Es ist zwar im Gegensatz zum Goldstückchen ein Pipifurz dagegen, und hoffe sehr und wünsche, dass deiner Kleinen weiterhin gut geholfen werden kann. Es tut weh, wenn es so kleinen winzigen Wesen es schon trifft, und dann sind sie so voller Leben und Optimismus. Sie sind so wunderbare Schätze.

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  5. Deine Weihnachtsgeschichte aus dem wahren Leben, hat mich tief angerührt.
    Wo ein starker und echter Lebenswille ist, wird Heilung möglich!

    Zum Thema Kosenamen kann ich nur den Spruch „Liebe Kinder haben viele Namen!“ zitieren, und ich habe – auch noch als Erwachsene – diverse Spitz- und Kosenamen, die unterschiedliche Saiten meines Charakters spiegeln.

    Dir, lieber Arno, Deinen Lieben und Deinem tapferen Goldstück,
    wünsche ich herzerfüllte und seelenvolle Weihnachtsfesttage und ein lebensfrohes Jahr 2017 mit vielen glücklichen und heilsamen Fügungen.
    In Zuneigung
    Ulrike ❄ ⛄ ❄

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  6. Eine wunderschöne Geschichte! Sie erinnert mich daran, dass ich als Notärztin wirklich selten Angst hatte, weil ich mich immer auf mein Innerstes verlassen konnte, welches immer getan hat, was getan werden mußte. Nur wenn es um Kinder ging, hatte ich Angst wie Bolle. Vor allem seit dem Erlebnis,als mit einmal ein kleines Mädchen unter meinen Händen weggestorben ist und ich einfach nichts dagegen tun konnte. Die Eltern waren feine Menschen gewesen und ihnen die Nachricht zu überbringen… Aber trotzdem musste ich in solchen Fällen immer stark sein und durfte mir auch nicht die kleinste Schwäche erlauben.
    Deshalb weiß ich genau, wie herrlich man sich fühlt, wenn das Kind es schafft! Es wird einem bewußt, wie wertvoll Kinder sind. Sie sind das Weiterleben von uns…
    Bleibt mir,Dir wunderschöne Weihnachten und ein tolles Jahr 2017 zu wünschen, alles Liebe, Nessy von Salutary Style

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    1. Liebe Nessy, ich schätze Deine ehrlichen Worte wirklich sehr und wäre von keinem Arzt enttäuscht der sich sorgt oder auch Emotionen zeigt, jedenfalls aus Sicht eines Patienten oder Angehörigen. Ich wünsche Dir und Deiner Familie zauberhafte Weihnachten in Eurem Märchenhaus und ein gesundes 2017 ❤

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  7. Lieber Arno! Danke Dir sehr für die lieben Worte! Leider haben wir das wunderschöne Häuschen einige Jahre später doch wieder verkauft, weil es trotz relativ großem Garten mitten im dem Städchen war und ich doch ein Landei bin. Jetzt wohnen wir direkt am Wald und haben die Pferde am Haus und di

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  8. Lieber Arno und allerliebstes Goldstück,
    ich habe gerade erst eure Weihnachtsgeschichte gelesen und natürlich alle Komentare dazu. Wenn eine Weihnachtsgeschichte, so wie eure, aus dem wahren Leben kommt, ist sie etwas ganz Besonderes! So, wie ihr es seid, nicht zuletzt Holger, der aus Liebe um sein kleines Mädchen kämpfte! Großartig, was ihr gemeinsam erreicht habt und nun auch für andere Kinder da seid! Das berührt mich sehr! Auch wir haben einen Gold“buben“ in unserer Familie, inzwischen ist er ein junger Mann, der gerade seinen Führerschein bestanden hat und stolz wie Bolle mit seinem Auto (auf ihn abgestimmt) zwischen A und B sich selbstständig und somit frei bewegen kann. Ich wünsche Euch, lieber Arno und liebes Goldstück, und Euren Lieben einen sanften Rutsch in das neue Jahr und in 2017 unendlich viele schöne gemeinsame Erlebnisse, die ihr euch später erzählen könnt! Danke, für eine Weihnachtsgeschichte, die so schön erdet….
    Liebe Grüße Gaby 🤗

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