Balladenwochenende

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Dem Aufruf von Christiane von „Irgendwasistimmer“ zu einem Balladenwochenende bin ich zu gerne gefolgt. Schon mit 12 Jahren habe ich dicke Bücher darüber gewälzt, weil mich die Geschichten so fasziniert haben und bei mir immer ein kompletter Film abläuft. Es gibt natürlich unzählige Stücke, ob John Maynard (Fontane), König Etzels Schwert (C. F. Meyer) oder der Klassiker schlechthin, Erlkönig (Goethe). Zumindest ich wuchs damit auf und diese Werke gefallen mir oft besser als normale Märchen, beruhen sie doch teilweise auf realen Geschichten. Heute möchte ich eine Ballade über die sterbliche Liebe präsentieren, geschrieben von Friedrich Schiller (1759-1805) und dem Stück „Der Taucher“ von 1797. Eine Geschichte die mich gefesselt, traurig und wütend zugleich gemacht hat. Mehr kann ein Stück nicht schaffen. Für Lesefaule gibt es noch den Vortrag vom talentierten Oskar Werner!

Der Taucher

„Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,
Zu tauchen in diesen Schlund?
Einen goldnen Becher werf ich hinab,
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.
Wer mir den Becher kann wieder zeigen,
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.“

Der König spricht es und wirft von der Höh
Der Klippe, die schroff und steil
Hinaushängt in die unendliche See,
Den Becher in der Charybde Geheul.
„Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,
Zu tauchen in diese Tiefe nieder?“

Und die Ritter, die Knappen um ihn her
Vernehmen’s und schweigen still,
Sehen hinab in das wilde Meer,
Und keiner den Becher gewinnen will.
Und der König zum drittenmal wieder fraget:
„Ist keiner, der sich hinunter waget?“

Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor,
Und ein Edelknecht, sanft und keck,
Tritt aus der Knappen zagendem Chor,
Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg,
Und alle die Männer umher und Frauen
Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.

Und wie er tritt an des Felsen Hang
Und blickt in den Schlund hinab,
Die Wasser, die sie hinunterschlang,
Die Charybde jetzt brüllend wiedergab,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzen sie schäumend dem finstern Schoße.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Flut auf Flut sich ohn‘ Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.

Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt,
Und schwarz aus dem weißen Schaum
Klafft hinunter ein gähnender Spalt,
Grundlos, als ging’s in den Höllenraum,
Und reißend sieht man die brandenden Wogen
Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.

Jetzt schnell, eh die Brandung wiederkehrt,
Der Jüngling sich Gott befiehlt,
Und – ein Schrei des Entsetzens wird rings gehört,
Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült,
Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer
Schließt sich der Rachen, er zeigt sich nimmer.

Und stille wird’s über dem Wasserschlund,
In der Tiefe nur brauset es hohl,
Und bebend hört man von Mund zu Mund:
„Hochherziger Jüngling, fahre wohl!“
Und hohler und hohler hört man’s heulen,
Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.

Und wärfst du die Krone selber hinein
Uns sprächst: Wer mir bringet die Kron,
Er soll sie tragen und König sein –
Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn.
Was die heulende Tiefe da unter verhehle,
Das erzählt keine lebende glückliche Seele.

Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefasst,
Schoss jäh in die Tiefe hinab,
Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und Mast,
Hervor aus dem alles verschlingenden Grab. –
Und heller und heller, wie Sturmes Sausen,
Hört man’s näher und immer näher brausen.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Well auf Well sich ohn Ende drängt,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzt es brüllend dem finstern Schoße.

Und sieh! aus dem finster flutenden Schoß,
Da hebet sich’s schwanenweiß,
Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß,
Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiß,
Und er ist’s, und hoch in seiner Linken
Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.

Und atmete lang und atmete tief
Und begrüßte das himmlische Licht.
Mit Frohlocken es einer dem andern rief:
„Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht!
Aus dem Grab, aus der strudelnden Wasserhöhle
Hat der Brave gerettet die lebende Seele.“

Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar,
Zu des Königs Füßen er sinkt,
Den Becher reicht er ihm kniend dar,
Und der König der lieblichen Tochter winkt,
Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande,
Und der Jüngling sich also zum König wandte:

„Lange lebe der König! Es freue sich,
Wer da atmet im rosigten Licht!
Da unten aber ist’s fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.

Es riss mich hinunter blitzesschnell –
Da stürzt mir aus felsigtem Schacht
Wildflutend entgegen ein reißender Quell:
Mich packte des Doppelstroms wütende macht,
Und wie einen Kreisel mit schwindendelm Drehen
Trieb mich’s um, ich konnte nicht widerstehen.

Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief
In der höchsten schrecklichen Not,
Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff,
Das erfasst ich behänd und entrann dem Tod –
Und da hing auch der Becher an spitzen Korallen,
Sonst wär er ins Bodenlose gefallen.

Denn unter mir lag’s noch, bergetief,
In purpurner Finsternis da,
Und ob’s hier dem Ohre gleich ewig schlief,
Das Auge mit Schaudern hinuntersah,
Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt‘ in dem furchtbaren Höllenrachen.

Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachligte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers greuliche Ungestalt,
Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.

Und da hing ich und war’s mit Grausen bewusst
Von der menschlichen Hilfe so weit,
Unter Larven die einzige fühlende Brust,
Allein in der grässlichen Einsamkeit,
Tief unter dem Schall der menschlichen Rede
Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.

Und schaudernd dacht ich’s, da kroch’s heran,
Regte hundert Gelenke zugleich,
Will schnappen nach mir – in des Schreckens Wahn
Lass ich los der Koralle umklammerten Zweig;
Gleich fasst mich der Strudel mit rasendem Toben,
Doch es war mir zum Heil, er riss mich nach oben.“

Der König darob sich verwundert schier
Und spricht: „Der Becher ist dein,
Und diesen Ring noch bestimm ich dir,
Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,
Versuchst du’s noch einmal und bringst mir Kunde,
Was du sahst auf des Meeres tiefunterstem Grunde.“

Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,
Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:
„Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel!
Er hat Euch bestanden, was keiner besteht,
Und könnt Ihr des Herzens Gelüsten nicht zähmen,
So mögen die Ritter den Knappen beschämen.“

Drauf der König greift nach dem Becher schnell,
In den Strudel ihn schleudert hinein:
„Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell,
So sollst du der trefflichste Ritter mir sein
Und sollst sie als Ehegemahl heut noch umarmen,
Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen.“

Da ergreift’s ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Und er siehet erröten die schöne Gestalt
Und sieht sie erbleichen und sinken hin –
Da treibt’s ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.

Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,
Sie verkündigt der donnernde Schall –
Da bückt sich’s hinunter mit liebendem Blick:
Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.

Der Taucher, Lesung

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31 Gedanken zu “Balladenwochenende

  1. Auch eine meiner Lieblingsballade (zusammen mit der humoristischen Nachgeburt „Der Handschuh“). Besonders faszinierend fand ich, wie Schiller seinen Kumpel Goethe fragte, ob seine Zeile „Und es wallet und siedet und brauset und zischt“ sich angesichts des Rheinfalles an der Natur bewährte 🙂

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  2. Gefesselt, traurig und wütend – du hast recht. Und das Schlimme ist, schau sie dir doch an, sie/wir haben nichts gelernt, es passiert immer noch, selbstverständlich heutzutage möglichst effektiv und ressourcenschonend. 😦
    Danke, dass du mitgemacht hast, freut mich sehr!
    Liebe Grüße
    Christiane

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  3. Muss dabei immer an die Parodie von Heinz Erhardt denken:
    Der Tauchenichts 😉

    „Wer wagt es, Knappersmann oder Ritt,
    zu schlunden in diesen Tauch?
    Einen güldenen Becher habe ich mit
    den werf ich jetzt in des Meeres Bauch!
    Wer ihn mir bringt, ihr Mannen und Knaben,
    der soll meine Tochter zum Weibe haben!“
    Der Becher flog.
    Der Strudel zog
    Ihn hinab ins gräuliche Tief.
    Die Männer schauten,
    weil sie sich grauten,
    weg. – Und abermals der König rief:
    „Wer wagt es Knippersmann oder Ratt,
    zu schlauchen in diesen Tund?
    Wer´s wagt – das erklär ich an Eides Statt –
    Darf küssen meins Töchterleins Mund!
    Darf heiraten sie. Darf mein Land verwalten!
    Und auch den Becher darf er behalten!“
    Da schlichen die Mannen
    Und Knappen von dannen.
    Bald waren sie alle verschwunden.
    Sie wussten verlässlich:
    Die Tochter ist grässlich –
    Der Becher liegt heute noch unten.

    Mein Dozent für Linguistik hat diesen Text zum Analysieren für eine Klausur verwendet. Schräg 🙂

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  4. Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
    Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
    Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
    Und Flut auf Flut sich ohn’ Ende drängt,
    Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
    Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.

    Ah ja, jetzt wo ich es lese. Ja, ja, die kenne ich auch. Gereimte Balladen mag ich aber nicht besonders. Obwohl ich noch einige auswendig kann. Aber ich mochte sie schon nicht, als ich sie gelernt habe und daran hat sich nichts geändert. Dagegen ein früher Goethe, aus der Sturm und Drangzeit, das ist eher meins. „Prometheus“ zum Beispiel. Das ist Leidenschaft !

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      1. Mich amüsieren immer die Argumentationen der konservativen Sprachpuristen, die jede neue Orthographieregel geradezu blasphemisch finden, weil Sprache und deren Schreibung unveränderbar wären. Die Orhographie zu Goethes und Schillers Zeiten nehmen sie aber problemlos zur Kenntnis 🙂 🙂

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  5. Ich fand diese Ballade schon immer beeindruckend und sprachgewaltig. Ich weiß nicht, ob wir sie in der Schule gelesen haben oder nicht, aber bei uns grassierte auch die Kurzversion: „Der Taucher. Gluck, gluck. Weg war er.“ 😉 „John Maynard“ liebe ich auch.

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  6. Ich habe es ja schon bei Christiane geschrieben, dass ich sie fast alle auswendig gelernt habe und bei dieser als Kind immer schrecklich weinen musste und mein kindlicher Zorn diesem König galt. Den tieferen Sinn dahinter habe ich als Elfjährige damals noch nicht erfasst. Oskar Werner passt genau dazu.

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  7. Hallo Arno!
    Ja, was soll man da sagen… Halt echt blöd, der Jüngling… Was bleibt, ist ein schales Gefühl, das nicht schön ist. Irgendwie bin ich doch zu pragmatisch, um in diese Welt eintauchen zu können. Aber ich finde es auf der anderen Seite schön, wenn man daraus für sich eine Lehre ziehen kann oder was auch immer. Ich hätte wahrscheinlich, wenn ich gerade auf diesem Trip wäre, ,,The raven“ beigesteuert, das ist auch auf einer Wellenlänge mit diesem morbiden Charme… Eine Weile habe ich das als Kind schaurig-schön gefunden Übrigens, nein, das haben wir nicht in der Schule durchgenommen,ich hatte die Bibliothek meiner Eltern geplündert! Aber das war so eine kurze Phase, dann kam mein ungebremster Optimimismus wieder zum Tragen und aus war´s mit der Depri-Literatur. Sorry! Da bin ich halt ein Blinder, der von Farben spricht, deshalb lasse ich das jetzt auch! Allen Anwesenden trotzdem viel Spaß, vielleicht könnt Ihr mich ja doch wieder ,,bekehren“! Alles Liebe und eine wunderschönen Woche, Nessy

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    1. Liebe Nessy, würden wir alles das Gleiche mögen und machen, fände ich die Welt arm. Ich habe einen kleinen Hang zum Morbiden, ob bei Fotografie, Städtereisen oder in der Literatur. Mit dem Faibel für Leidenstage korregiere ich hin und wieder meine positive Einstellung zum Dasein, denn zuviel Rosa schadet mir 😉

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