Balladentag

blog_goes_balladeChristiane von Irgendwas ist immer hat wieder zu einem neuen Balladentag aufgerufen. Da ich gerade über den Verlust eines sehr geschätzen Menschen hinweg kommen muss, werde ich keine Kommentare abgeben, doch mein Versprechen halte ich ein. Euch allen einen guten Ostermontag!

John Maynard (Theodor Fontane 1819-1898)

John Maynard!
„Wer ist John Maynard?“
„John Maynard war unser Steuermann,
aushielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron‘,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Die „Schwalbe“ fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
von Detroit fliegt sie nach Buffalo –
die Herzen aber sind frei und froh,
und die Passagiere mit Kindern und Fraun
im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
und plaudernd an John Maynard heran
tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?“
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
„Noch dreißig Minuten … Halbe Stund.“

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –
da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
„Feuer!“ war es, was da klang,
ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, bunt gemengt,
am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
am Steuer aber lagert sich´s dicht,
und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir? wo?“
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. –

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
der Kapitän nach dem Steuer späht,
er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
aber durchs Sprachrohr fragt er an:
„Noch da, John Maynard?“
„Ja,Herr. Ich bin.“

„Auf den Strand! In die Brandung!“
„Ich halte drauf hin.“
Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus! Hallo!“
Und noch zehn Minuten bis Buffalo. – –

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt’s
mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell’n
himmelan aus Kirchen und Kapell’n,
ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
und kein Aug‘ im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
mit Blumen schließen sie das Grab,
und mit goldner Schrift in den Marmorstein
schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

„Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
hielt er das Steuer fest in der Hand,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

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12 Gedanken zu “Balladentag

  1. Es tut mir leid und Du hast mein volles Mitgefühl. Ich wünsche Dir viel Kraft für diese Zeit.
    Aber irgendwo sind wir wohl doch auf eine bestimmte Art Geschwister im Geiste: Auch meine Ballade für heute ist „John Maynard“. Leider habe ich Deinen Beitrag erst jetzt gesehen, sonst hätte ich noch eine andere Ballade herausgesucht. Aber nun ist es so in der Welt.

    Gefällt 2 Personen

  2. Lieber Arno! Ja, ich hab´mir Zeit gelassen und deshalb erst heute um Deine Situation erfahren… Und ich kenne das Gefühl leider nur zu gut und weiß auch, dass der Weg des Trauerns sehr von den Umständen des Todes und natürlich der Beziehung zu dem Menschen abhängt! Weil er uns letztendlich die Endlichkeit unseres eigenen Seins vor Augen führt. Und ich sage jetzt nicht: Mit der Zeit wird es besser werden. Obwohl es so ist. Und ich sage auch nicht: Der/die Tote empfindet jetzt nicht mehr.
    Denn der Stachel, den der Tod mit sich bringt, sitzt in einem selbst, nicht im Toten! Und das ist auch genau der Punkt! Denn wenn wir einen Menschen sehr geschätzt haben, wollte der doch sicher nicht, dass es uns nun schlecht geht. Denn wie wäre es, wenn man stürbe? Man wollte doch, dass sich die Nachwelt an einen als etwas Schönes erinnert. An viele schöne gemeinsame Momente vielleicht, an gute Gespräche… Denn der Preis des Lebens ist nun einmal der Tod. Und dabei gibt´s keine Sonderangebote und keinen Rabatt! Nur der Trost, vielleicht noch eine Zeit in guter Erinnerung zu bleiben! Deshalb lass´Dir einfach Zeit zu trauern, aber versuche dabei, das Schöne der gemeinsamen Zeit nicht aus den Augen zu lassen. Für den Menschen, der gegangen ist, wäre doch am schönsten, wenn Du aus ihm die innere Kraft ziehen würdest, im Leben weiterzuziehen mit einem Stückchen Erinnerung im Herzen, der nur diesem Menschen vorenthalten bleibt und das schön und kostbar ist.
    Big Hug, Nessy

    Gefällt 2 Personen

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